Waldemar Süß

Herr Dipl.- Soz. Süß absolvierte im Jahre 1975 sein Abitur und fing nach seinem Zivildienst 1976 an zu studieren. In seinen Hauptfächern belegte Herr Süß, Soziologie und Politikwissenschaften und in seinen Nebenfächern Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Pädagogik. Das Studium schloss er 1981 mit einem Diplom in Soziologie ab. Herr Süß ist bereits seit Jahrzehnten in der Gesundheitsförderung und Prävention tätig. Schon in jungen Jahren hat er sich sowohl politisch als auch sozial engagiert (Anti-AKW-Bewegung, Friedensbewegung, Initiativen für soziale Gerechtigkeit).

1989 begann er im Institut für medizinische Soziologie im bereits durch Prof. Dr. Dr. Trojan gegründeten Forschungsbereich „Stadt und Gesundheit“ seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkt mit auf die „quartiersbezogene Gesundheitsförderung“ zu legen. Er arbeitete an verschiedenen Hochschulen in Hamburg (Wiss. Mitarbeiter an der FH Hamburg im FB Sozialpädagogik, dort viele Jahre Lehrbeauftragter, ebenso viele Jahre Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) im FB Life Sciences sowie viele Jahre Lehrbeauftragter an der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) im Studiengang Sozial- und Gesundheitsmanagement) und war von 1989 bis 2021 Teil eines Forschungs-Teams am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) im Institut für medizinische Soziologie das über 10 Jahre die Begleitforschung /Evaluation eines Gesundheitsförderungsprogrammes des Gesundheitsamtes Eimsbüttel in einem benachteiligten Quartier in Hamburg-Eimsbüttel durchführte.  Herrn Süß hat in seiner beruflichen Arbeit besonders der umfassende Praxisbezug all seiner Projekte und Vorhaben inspiriert und motiviert, weil sich vielfältige Möglichkeiten des nachhaltigen Lernens daraus ergaben

Im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung ist Herr. Süß in verschiedenen Arbeitsschwerpunkten tätig. Daher haben wir ihm Fragen zu den Bereichen Gesundheitsförderung und Stadtentwicklung, Präventionsforschung, Sozial- und Gesundheitsberichterstattung sowie zur Policy-Forschung gestellt.

Blitzfragerunde

Kaffee oder Tee?
Kaffee nur morgens, Tee dann den ganzen Tag.
Rucksack oder Koffer?
Rucksack täglich, Koffer bei einer Fernreise mit Hotel.
Auto oder Fahrrad?
Auto für längere Strecken, Fahrrad täglich.
Buch oder Hörbuch?
Buch lieber als Hörbuch aber bei einer langen Autofahrt: Hörbuch.

Interview

Der Weg in die Gesundheitsförderung

Wie definieren Sie für sich den Begriff Gesundheit?

“Da bin ich ganz bei dem Begriff der WHO: als „ein Zustand von vollständigem physischem, geistigem und sozialem Wohlbefinden, der sich nicht nur durch die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung auszeichnet.”

Wie kam es dazu, dass die Gesundheitsförderung und Prävention in ihrer beruflichen Laufbahn zu einem Schwerpunkt wurde?

“Das hat sich einfach so entwickelt über verschiedene Beschäftigungsverhältnisse an Hochschulen in Hamburg, denn man muss ja sein Geld verdienen. Ich bin gerne dabeigeblieben, weil ich mich schon als Jugendlicher sozial und ökologisch politisch engagiert habe. Für mich sind Gesundheitsförderung und Prävention eben auch sehr stark politische Handlungsfelder . Da kamen mir dann persönlich die Begriffe der Gesundheitsförderung (mit ihrem Mehrebenmodell) und der Verhältnisprävention sehr entgegen. Gesundheitsförderung und Prävention dürfen ja häufig aus unterschiedlichen politischen Gründen gerade nicht die Handlungsfelder auf der Verhältnisebene angehen, um auch Verhältnisse positiv  zu verändern, die gerade sehr dringlich sind: Verkehrspolitik und Mobilität, Kontrolle und Regelung der Zusammensetzung unserer Ernährung, Handlungskonzepte gegen den Klimawandel und und. Da bleibt noch viel zu tun! Viel zu oft bleiben die Ansätze auf der Ebene der individuellen  Verhaltensänderung durch Anreize oder Wissensvermittlung. Das alleine kann es nicht sein.”

 

Sie haben schon an einigen Projekten und Publikationen zusammen mit Prof. Dr. Dr. Alf Trojan gearbeitet. Was war ihr erstes gemeinsames Projekt? Wie haben Sie auf ihrem Berufsweg Herrn Prof. Dr. Dr. Alf Trojan kennengelernt?

 

“Herr Trojan war ja sehr lange mein Chef am Institut für Medizinische Soziologie und hatte sich dort schon länger sehr für das Themenfeld „Stadt und Gesundheit“ stark gemacht. Ich habe mich auf eine vom Institut ausgeschriebene befristete Stelle im Bereich „Stadt und Gesundheit“ beworben und die Stelle bekommen. Beim Bewerbungsgespräch habe ich ihn dann 1988 kennengelernt und 1989 dann die Arbeit an einem Stadt(teil-)bericht zum Thema Armut und gesundheitliche Risiken begonnen, der dann 1992 als Buch veröffentlicht wurde. Alles andere hat sich dann aus den Arbeitsprozessen und Veränderungen am Institut im Laufe der Jahre entwickelt und ergeben. Meine Laufbahn war wenig stringent geplant. Und das hat dann fast 32 Jahre gedauert.”

 

Uns interessiert, in welchem Schwerpunkten und Bereichen Sie am liebsten tätig waren?

 

„Ich war eigentlich immer gerne in den jeweiligen Bereichen und Schwerpunkten unterwegs, wo der Kontakt zur Praxis eng war und es viele Diskussionen und Gespräche im Rahmen der partizipativen Forschung mit den Menschen in der Praxis gab.”

Soziologie

Sie haben selber Soziologie studiert, welche Parallelen sehen sie in der Soziologie und der Gesundheitsförderung?                                                                                                                          

“Die Soziologie liefert wie im Public Health Action Cycle implizit mitgedacht die Methoden und auch theoretischen Ansätze für unterschiedliche Bereiche, wie zum Beispiel die integrierte Gesundheitsberichterstattung oder die Begleitforschung im Rahmen von kommunalen Programmen zur Umsetzung von Gesundheitsförderung und Prävention.”

 

 

Quatiersbezogene Gesundheitsförderung

Sie arbeiten in der Arbeitsgruppe “Gesundheitsfördernde Gemeinde – und Stadtentwicklung (AGGSE)”, die 2002 von Ihnen mitgegründet wurde.

Welche Ziele verfolgt die Arbeitsgruppe? Wie sieht aus Ihrer Sicht eine gute gesundheitsfördernde Stadtentwicklung aus?

 

“Die Arbeitsgruppe verfolgt das Ziel der Integration des Gedankenguts von intersektoraler Gesundheitsförderung und Prävention in die Stadt(teil-)entwicklung bzw. in deren politische Ansätze, Programme, Leitlinien, Strategien und Konzepte. Dabei verknüpfen wir anwendungsorientierte Wissenschaft mit kommunaler Praxis. Zur Frage einer guten gesundheitsfördernden nachhaltigen Stadtentwicklung hat die AGGSE vor kurzem(März 2020) ein Papier erstellt, in dem Empfehlungen für eine solche Stadtentwicklungspolitik veröffentlicht werden. Dabei handelt es sich um in 5 Thesen formulierte Texte zu zukünftigen Herausforderungen für dieses Politikfeld. Ich möchte an dieser Stelle auf die Publikation verweisen.

(https://difu.de/arbeitsgruppe-gesundheitsfoerdernde-gemeinde-und-stadtentwicklung).”

 

Sie haben im Team eine komplexe Intervention der quartierbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention evaluiert. Welche Entwicklungen haben sich bei der Evaluation des Programms „Lenzgesund“ zehn Jahre nach Beginn gezeigt?

 

“Wir haben die Begleitforschung im Rahmen der Präventionsforschung, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF über einen langen Zeitraum gefördert wurde, für das Programm „Lenzgesund” durchgeführt. Dabei sind viele verschiedene Methoden zum Einsatz gekommen, die den unterschiedlichen Phasen im Public Health Action Cycle zuzuordnen sind, nicht nur der Evaluation. Wir haben vielfältige Ergebnisse publiziert. Herausheben möchte ich an dieser Stelle, dass durch die langfristige Arbeit das Thema Gesundheitsförderung bei den Ämtern und Hauptakteuren etabliert werden konnte. Ebenso hervorheben möchte ich, dass man auch bei Lenzgesund sehen konnte, dass es mindestens eine Person geben muss, die die Rolle des zuverlässigen (und bezahlten) „Kümmerers“ übernimmt und damit den „Laden“ am Laufen hält.  Auf der wissenschaftlichen Seite haben wir Methodenentwicklung betrieben und das von uns entwickelte Evaluationsinstrument „Kapazitätsentwicklung im Quartier (KEQ)“ permanent getestet und weiterentwickelt. KEQ ist heute ein bundesweit genutztes Evaluationsinstrument der Quartiersentwicklung.“

 

Welche zentralen Merkmale gilt es in der Umsetzung von Projekten der quartiersbezogenen Gesundheitsförderung zu beachten, um ein hohes Qualitätsniveau zu erreichen?

 

„Da gibt es ganz viele Anforderungen, die der Qualitätssicherung dienlich sind und helfen ein hohes Qualitätsniveau zu erreichen und zu halten. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht die verbindliche Bereitstellung von hinreichenden, langfristigen, personellen und finanziellen Ressourcen. In der Vergangenheit musste oft sehr viel Energie und Kraft in die Akquise von finanziellen Mitteln auch bei kleinen Projekten gesteckt werden, und das vor dem Hintergrund, dass es für die handelnden Personen oft weder Absicherung noch Perspektive gab.“

 

An welchen Projekten haben Sie in der Vergangenheit am liebsten mitgewirkt? Was machte die Arbeit an diesem Projekt so attraktiv?                                                                 

 

„Wir haben ja über mehr als 10 Jahre in einem Team die Begleitforschung für ein quartiersbezogenes Gesundheitsförderungsprogramm in einem benachteiligten Gebiet in Hamburg durchgeführt. Besonders attraktiv fand ich dabei vor allem drei Dinge: die Arbeit in einem arbeitsteilig vorgehenden Wissenschaftler-Team, die Vielfalt der angewandten sozialwissenschaftlichen Methoden sowie der enge und kontinuierliche Kontakt in die Praxis über partizipative Methoden.“

Stellungnahme zu aktuellen Themen

Wie haben Sie die Entwicklung der Gesundheitsförderung bisher miterlebt? Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung ein? 

 

“Die Gesundheitsförderung hat es nie leicht gehabt. Sie hat zwar viele Befürworter und Fans, die die Inhalte weitergeben. Aber die Ressourcen für eine solche Praxis waren und sind doch immer knapp, selbst durch das neue Präventionsgesetz. Durch das Gesetz gibt es zwar viel mehr Geld, aber es ist aus unterschiedlichen Gründen nicht so einfach, das Geld auszugeben. Für die Zukunft glaube ich, dass Gesundheitsförderung eine immer größere Rolle spielen wird, weil sie viele Impulse für die Verknüpfung mit anderen dringlichen politischen Handlungsanforderungen geben kann, wie etwa der Kampf gegen den Klimawandel auf der Ebene von Städten und Gemeinden oder die Auseinandersetzung um eine sogenannte Mobilitätswende in Städten und Gemeinden. Aber dazu muss die Gesundheitsförderung (und die Prävention) politischer werden und darf nicht bei den vielen z. B. kleinen verhaltensorientierten Nudging-Ansätzen (nichts gegen die kleinen Projekte an und für sich!) stehen bleiben. Das ist noch ein weiter aber gangbarer Weg. Es gibt viel zu tun!”

 

Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie für die Gesundheitsförderung in der aktuellen Corona-Situation?Welche Auswirkungen könnte die Pandemie auf die öffentliche Wahrnehmung von Gesundheitsförderung und Prävention haben?  

 

„Das wäre sicherlich eine spannende Diskussion, die man jetzt führen könnte. Und sie wird ja auch geführt. Vieles bleibt aber Vermutung und Spekulation, weil wir noch viel zu wenig über diese Erkrankung wissen. Aber Corona bringt viele soziale Ungerechtigkeiten noch mal deutlich an den Tag (Armut und Wohnen, Bildungsungleichheiten, Zugang zu Nahrungsmittel über die Tafeln etc.). Das war alles vorher auch schon da, aber es wird jetzt deutlich, wie dringend der Handlungsbedarf ist und man kann die sozialen Probleme nicht mehr leugnen, verdrängen oder klein reden. Hier sehe ich einen Ansatzpunkt für die Gesundheitsförderung politischer zu werden und Anwalt zu sein, für einen sozialen Ausgleich und die Versorgung der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Das könnte eine Auswirkung sein, die in Richtung Aktivierung der Akteure der Gesundheitsförderung für mehr politisches Engagement gehen könnte. Positiv ist ja jetzt schon, dass bis in die Spitze der Regierung fast allen in Deutschland klar geworden ist, wie wichtig ein funktionierender, gut aufgestellter und qualifizierter Öffentlicher Gesundheitsdienst für die Bevölkerungsgesundheit insgesamt ist, und nicht nur zur Seuchenbekämpfung.“

 

Zum Nachlesen

Übergewicht bei Kindern stellt eine große Herausforderung für die öffentliche Gesundheit da. Ziel des Forschungsprojekt ist es, einen Überblick zu schaffen und die konzeptionellen Ansätze von Interventionen zur Prävention von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter zu analysieren.

 

Das Buch veranschaulicht das Forschungspojekt “Langzeitevaluation komplexer Interventionen quartiersbezogener Gesundheitsförderung und Prävention – Eine Untersuchung von Gemeindekapazitäten zehn Jahre nach dem Beginn des Programms Lenzgesund”.

 

Das Präventionsprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung verfolgt das Ziel, die gesundheitliche Versorgung von Kindern und ihren Eltern nachhaltig zu verbessern. Zudem soll z.B. die Entwicklung einer kleinräumigen Gesundheitsberichterstattung für die Weiterentwicklung des lokalen Präventionsprogramms vorangetrieben werden. 

 

Die Quartiersbezogene Gesundheitsförderung  ist ein Teil der kommunalen Gesundheitsförderung. Sie zählt zu den komplexen Interventionen und ist dabei kontextabhängig. Das führt unter Anwendungen vielfältiger komplexen Methoden zu Schwierigkeiten in der Evaluation.

 

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