Thomas Altgeld

Als Leiter der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin e.V. (LVG & AFS) in Niedersachsen ist Thomas Altgeld für uns eindeutig ein „Face of Health Promotion“. Diese politisch ausgerichtete Stelle im Sinne des Aufrufs „Gesundheit neu denken“ weckte damals sein Interesse. Mit seiner Tätigkeit verfolgt er das Ziel, die gesundheitliche Chancengleichheit der Bevölkerung in Niedersachsen und ganz Deutschland zu verbessern. Besonders die gesetzlichen Veränderungen in den letzten 30 Jahren nennt er als Meilensteine. Durch sie wird Gesundheitsförderung, ein früher eher abseitiges Arbeitsfeld, in den Vordergrund gerückt und in der heutigen Form möglich.  

An seiner Arbeit begeistert Herrn Altgeld der Kontakt mit Menschen. Im Verlauf des Interviews wird zunehmend deutlich, dass dieser Kontakt und der Dialog für ihn zentrale Bestandteile der Gesundheitsförderung sindDeshalb vertraut er in seiner Arbeit stets auf das dialogische Prinzip. Nicht nur der Austausch mit hilfsbedürftigen Menschen in bestimmten Lebensphasen, sondern auch der Austausch zwischen den ‚professionellen Akteuren‘ sei von großer Bedeutung. Diesbezüglich betont der Leiter der LVG & AFS auch den hohen Stellenwert der Netzwerkarbeit in der Gesundheitsförderung und PräventionIn drei Worten beschreibt er Gesundheitsförderung wie folgt: dialogisch, chancengleich und innovativ.  

Im Interview berichtet er, dass Quartiere aktuell ein wichtiges Setting der Gesundheitsförderung darstellen. Besonders Quartiere mit besonderen Problemlagen sollten hierbei vermehrt gefördert werden. Zudem weist er auf die digitale Lebenswelt hin, welche der Gesundheitsförderung neue Handlungsmöglichkeiten bietet. Im Interview nimmt Herr Altgeld außerdem Stellung zur aktuellen Lage in Bezug auf das CoronaVirus. Er berichtet von den Auswirkungen und Folgen für sozial schwache Familien und spricht über das Thema Männergesundheit sowie den Zusammenhang zwischen Umwelt- und Gesundheitsschutz 

Uns Studierenden als künftige Jobeinsteigende empfiehlt er kommunikations- und lernfähig zu sein und unsere dialogischen Kompetenzen zu erweitern und zu nutzen. Abschließend betont er, dass er sich wünscht, dass Gesundheit größer gedacht wird und die Akteure sich mehr miteinander vernetzen. Als Herausforderung nennt Herr Altgeld nach wie vor die gesundheitliche Chancengleichheit. 

Was mich begeistert, ist der Kontakt mit Menschen und das erlebe ich jetzt auch gerade in Corona Zeiten, und ich glaube, dass Gesundheitsförderung davon lebt, dass man in Kontakt geht.“ 

Blitzfragerunde

Kaffee oder Tee?
Weder noch, kommt auf meine Stimmung an, manchmal Tee manchmal Kaffee, je nachdem wie viel Koffein ich brauche.
Lehrerliebling oder Klassenclown?
Auch sowohl als auch. Es gab Lehrer, die mich gehasst haben, weil ich so lebendig war, es gab aber auch Leute, die mich gemocht haben.
Chaos oder Ordnung?
Chaos.
Visionär oder Realist?
Visionär mit einem kleinen realistischen Einschlag.
Geschwisterkind oder Einzelkind?
Geschwister, eine Schwester.
Fahrrad oder Straßenbahn?
Fahrrad.

Interview

Karriere und Meilensteine

Nach dem Abschluss Ihres Psychologiediploms 1988 haben Sie ein Jahr in der Psychiatrienachsorge gearbeitet. Daraufhin leiteten Sie die Aidshilfe Hamburg und wurden 1993 Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit in Niedersachsen. Uns interessiert, was Sie persönlich dazu bewegt hat, den Weg in die Gesundheitsförderung einzuschlagen.

 

Das war damals nicht als offizieller Weg in die Gesundheitsförderung annonciert, sondern eine eher politische Stelle. Es sollte ein Landesprogramm zur Gesundheitsförderung in Niedersachsen erstellt werden, bei dem es darum ging, Gesundheit neu zu denken. Das hat mich gereizt. Ich wollte einfach nach meiner Geschäftsführungstätigkeit in der Aidshilfe etwas anderes, konkret Inhaltliches machen.”

 

 

Seit über 30 Jahren setzen Sie sich aktiv für die Gesundheitsförderung in Niedersachsen und Deutschland ein, sind gut vernetzt und publizieren in vielen Themenbereichen. Sie haben die Entwicklung der Gesundheitsförderung hautnah miterlebt.  Wenn Sie auf die Anfänge der Gesundheitsförderung zurückblicken, welche Meilensteine oder Wendepunkte empfanden Sie in den letzten 30 Jahren als besonders bedeutend?                            

 

30 Jahre sind ein relativ langer Zeitraum und im Wesentlichen war es auch eine Straße nach oben. Anfangs war dieser Bereich ein sehr esoterisches, abseitiges Arbeitsfeld. Mittlerweile ist eim Mainstream der Gesundheit, der Gesundheitsversorgung und in der Politik angekommen. Wichtige Meilensteine sind in diesem Bereich die gesetzlichen GrundlagenDiesbezüglich erreichten wir die Abschaffung und Änderung des Paragraphen 20 und das Inkraftsetzen des PräventionsgesetzesDiese gesetzlichen Rahmenbedingungen haben die Szene und die Handlungsmöglichkeiten von unseren Kassenpartnern verändert und damit auch bestimmt, wie viel Geld im System ist.  Ein weiterer Meilenstein in der Landesvereinigung wardass wir erste Akzente gesetzt haben, die Bereiche Versorgung und Gesundheitsförderung wieder zusammen zu denken.

 

 

Welchen Settings der Gesundheitsförderung sollte Ihrer Meinung nach heute noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden? In welchem Setting waren Sie zuletzt tätig und warum?                                                                                                    

 

Das sind die Quartiere. In den Kommunen die Ortsteile oder die Viertel, in denen Menschen arbeiten, leben, spielen, lernen, all das was die Ottawa Charta beschreibt. Das ist noch ein ganz marginalisierter Bereich. In vielen Stadtteilen vor Ort oder auch ländlichen Gebiete häufen sich Problemlagen. Dort mehr mit der Gesundheitsförderung reinzukommen war auch Ziel vieler unserer neuen Projekte. Das andere sind die digitalen Lebenswelten, von denen wir eine Vorstellung entwickeln müssen. Digitale Lebenswelten zu entdecken und auch für Gesundheitsförderung stärker zu nutzen, ist für mich auf jeden Fall eine entscheidende Herausforderung.” 

 

 

Was macht Ihnen in Ihrem Arbeitsalltag besonders Spaß? Was war bisher Ihr größtes Highlight?

 

Was mich begeistert, ist der Kontakt mit MenschenGesundheitsförderung lebt davon, dass man in Kontakt geht. Ich kämpfe seit Jahrzehnten gegen den Zielgruppenbegriff, bei dem Akademiker auf Nicht Akademiker mit Programmen und Broschüren zielen. Es ist für mich ein Highlight, dass wir den Begriff Dialoggruppen gefunden habenDieser macht deutlich, dass man mit einer anderen Haltung in den Prozess gehtWir wollen auf Augenhöhe vor Ort in Dialog treten.

 

 

 

Vernetzung in der Gesundheitsförderung

Sie setzen sich für Gesundheitsförderung und Prävention vielfältig in verschiedenen Bereichen ein. Von Männergesundheit über gesund um die Geburt und gesund aufwachsen bis hin zu aktiv älter werden. Wie begründen Sie die Arbeit mit Zielgruppen in verschiedenen Lebensphasen ? Mit welcher Zielgruppe haben Sie sich stark Auseinader gesetzt und warum?

 

Ich arbeite nicht mit Zielgruppen, sondern mit Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und gucke, wie sich die ‚Professionellen‘ in diesem Bereich besser organisieren können, bevor sie ins Feld gehen. Das verbindet vielleicht auch die unterschiedlichen Themenbereiche.  Wir haben nicht zu wenig Prävention in Deutschland, sondern zu viel Prävention kleinteilig nebeneinander organisiert. Man muss laufende Angebote besser kommunizieren und aufeinander abstimmen. Bei der Arbeit in Dialoggruppen geht es nicht um ‚zielen‘, sondern darum, im dialogischen Prinzip zu gucken, was wir dazu beitragen können, damit die gesündere Wahl zur leichteren Wahl wird.

 

 

Inwiefern ist es Ihrer Meinung nach möglich, die einzelnen Gebiete zu verzahnen und nicht strikt isoliert an einzelnen Zielen zu arbeiten? 

 

Indem man größere Ideen darüber stellt. Wir brauchen vielleicht eine neue Zielstellung, zum Beispiel die des angelsächsischen ‚Well-being‘ BegriffsDieser meint zu ermitteln, wie man das Wohlbefinden von allen erhöhen kannWir erleben das bereits im Kinder- und Jugendbereich. Beispielsweise im Bereich Präventionsketten, unter kindlichem Wohlbefinden, dazu gehört dann: Sicherheit, Bildungsqualität, Beziehungen, Netzwerke vor Ort und auch Risikoverhalten von Jugendlichen. Dabei geht es nicht nur darum, Gesundheit schützen und fördern, sondern um Verwirklichungschancen und Wohlergehen.”

 

 

Welchen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach Netzwerkarbeit in der Gesundheitsförderung und Prävention?

 

Einen sehr hohen StellenwertDas Problem ist, alle reden von Netzwerken und machen doch mehr ‚Feindbeobachtung‘. Wenn Netzwerke funktionieren und es dabei wirklich um Austausch geht und darum, etwas gemeinsam zu machen und nicht nebeneinander her, dann ist Netzwerkarbeit das A und O der Gesundheitsförderung. Wir haben jedoch eine ‚Lobhudelei‘ von Netzwerken auf der verbalen Ebene und eine Arbeitspraxis, die dem häufig entgegensteht. Deshalb würde ich mir wirklich wünschen, dass Netzwerkarbeit nicht nur in Sonntagsreden betont wird, sondern dass auch vor Ort tatsächlich mehr synergetisch gearbeitet wird und nicht nebeneinander vorbei.”

 

 

Inwiefern glauben Sie, dass Netzwerkarbeit dazu beitragen kann, dass Gesundheitsförderung interdisziplinär wahrgenommen wird? 

 

Gesundheitsförderung ist immer ein interdisziplinärer Ansatz gewesen und deshalb lässt sie sich auch nur interdisziplinär verwirklichen. Alle Berufsgruppen in unserem Arbeitsfeld können in unterschiedlichen Kontexten etwas zur Gesundheit beitragen. Gesundheit ist jedoch nicht einfach nur auf irgendeiner Ebene einer Profession angesiedelt. Wenn man Gesundheit um Wohlbefinden erweitert, dann sind da viele professionelle Qualitäten gefragt, um dieses Wohlbefinden herzustellen.

 

 

Stellungnahme zu aktuellen Themen

Besonders in der Corona Krise kommen viele Debatten rund um das Thema Gesundheit auf. In einem ihrer Tweets fragen Sie nach den Vätern, die ebenso Einsatz zeigen wie Mütter in der Krise. Was fehlt unserer Gesellschaft Ihrer Meinung nach, um Männergesundheit zu stärken? Beziehungsweise was benötigt unsere Gesellschaft, damit Männergesundheit mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird ?

 

Uns fehlen vor allem Männer, die das als Thema für sich entdecken. Frauen haben in klassischen Geschlechterrollen häufig die Arbeitsaufgabe Gesundheitsmanagerin der ganzen Familie zu sein, also für ihre Männer gleich mit. Ein weiterer Grund ist, dass das ganze Gesundheitswesen und die ganzen Lehrstühle männlich dominiert sindGesundheitsförderung und die Stärkung der Gesundheit von Männern im Alltag gelten in der Hierarchie als ‚läppisches‘ Thema. Es ist viel spannender, eine Genomsequenz zu beforschen. Das Thema hat mich, nachdem ich daran gearbeitet habe, gepackt. Wenn es mehr Männer packen würde, die forschen, die lehren, die Gesundheitsarbeit machen, dann wäre es auch besser vertreten in diesem Bereich. Deshalb müssen wir mehr Männer überzeugen, dass es eine Chance für ihre berufliche Tätigkeit und ihr persönliches Entwicklungsfeld ist.

 

 

Gleiches gilt für sozial schwache Familien und von Sozialhilfe lebende Menschen. Ist die Corona Krise Ihrer Meinung nach ein Rückschlag für die gesundheitliche Chancengleichheit in Deutschland?

 

Ja, die Corona Krise ist auf jeden Fall ein großer Rückschlag für die gesundheitliche Chancengleichheit in Deutschland. Also ein krasses Beispiel ist, dass DAX Konzerne in diesem Jahr Dividenden aus dem Gewinn 2019 ausschütten an super reiche Aktionäre, während ihre eigenen Arbeiter*innen in Kurzarbeit geschickt werdenAlso da ist auf jeden Fall die Schere zwischen arm und reich sehr groß bzw. geht weiter auf in der Corona Krise. Es wird auch nicht einmal diskutiert, ob sich Preiserhöhungen für Lebensmittel oder die Kosten für die technische Ausstattung für das Home-Schooling der Kinder in höheren ALG 2-Sätzen niederschlägt. Ein weiteres Beispiel ist Home-Schooling und die Bildungschancen von benachteiligten Kindern. Möglicherweise können Eltern mit Migrationshintergrund aufgrund sprachlicher Einschränkungen ihre Kinder nicht so gut beim Home Schooling begleiten.”

 

 

Was muss sich diesbezüglich ändern?   

 

Es muss ein Bewusstsein für diverse Lebensendlagen entstehen und es muss vor allem mehr Gerechtigkeit in dieses Land. Ich glaube das Gerechtigkeitsthema ist in den letzten Jahren total unterbewertet gewesen. Gerechtigkeit fängt da an, wo die Ressourcen tatsächlich verteilt sind. Wer kriegt wie viel vom Kuchen ab und wer muss sich wie darum bemühen? Ich finde beispielsweise auch, die ganze ALG2 Geschichte ist ein entwürdigendes System sowohl für die Menschen, die darin arbeiten als auch für die, die immer wieder die Hosen runterlassen müssen. Geklärt werden sollte, wie man Hilfen, die dieser Staat gewährt, tatsächlich unbürokratischer und weniger entmündigend an den Mann oder die Frau bringen kann. Es muss diskutiert werden, wie man auf unterschiedliche Lebenssituationen reagieren kann. Das fehlt total, also da muss auf jeden Fall mehr Diversitätsbewusstsein, mehr Lebenslagenorientierung und mehr Zugewandtheit da sein und vor allem mehr Gerechtigkeit.

 

 

 

Abschlussfragen

Zu Beginn haben Sie uns von den Meilensteinen in der Gesundheitsförderung berichtet. Jetzt interessiert uns noch ein Blick in die Zukunft. Welcher nächste Schritt muss passieren, damit Gesundheitsförderung flächendeckend umgesetzt werden kann Welche Visionen haben Sie ?

 

Meine Vision wäre, dass man nicht alles nebeneinander denkt. Wir brauchen einen integrierteren Zugang schon im Denken der Politik. Zum Beispiel zu denken „Was sind denn Lebenskompetenzen, die in Bildungssettings vermittelt werden könnten?“. Wenn ich mich selbst mag und mit anderen kommunizieren kann, dann bin ich gegen vieles gesundheitlich gewappnet. Deshalb sollte man schauen, was die unterschiedlichen Erkrankungsrisiken verbindet und wie man Gesundheitsförderung in der primären Prävention zusammendenken kann. Die andere Herausforderung in der Gesundheitsförderung ist, digitale Chancen zu nutzen.

 

 

Und Potentiale? 

 

Das Tolle an Gesundheitsförderung ist, dass es so breit angelegt ist. Health in all Policies ist für Gesundheitsförderer eigentlich gar nichts Neues, weil sie schon immer so denken. Und das ist ein Potenzial der Gesundheitsförderung, interdisziplinär aufgestellt zu sein, in unterschiedlichen Handlungssektoren und immer in Gemeinschaftsaktionen zu denken. Also integrierte Handlungskonzepte, lebensweltbezogen, all das, was Sachen eben auch effektiv macht oder das was jetzt teilweise als neue Herausforderung definiert wird, das kann Gesundheitsförderung schon lange

 

 

 

Zum Nachlesen

In diesem Sammelband wird aus der Perspektive der Männer auf das Thema Gesundheit geschaut. Antworten zu den Fragen wie “Welchen Stellenwert hat Gesundheit innerhalb männlicher Identitätsbildung?” oder “Ist Gesundheit ein normales “Muss”, stellen Männer Arbeit über Gesundheit?” finden Sie in diesem Sammelband.

 

Der Begriff ‘Setting’ ist in den letzten Jahren in Mode gekommen. Aus diesem Grund finden die Autoren es wichtig, dass überall wo Begriffe wie Setting, Ressourcenorientierung oder Gesundheitsförderung genannt wird, auch ein salutogenetischer Blick auf das Thema Gesundheit berücksichtigt wird.

 

Menschen mit Behinderung haben ein erhöhtes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko, daher strebt die UN-Behindertenrechtskonvention das Ziel an, Menschen mit Behinderung umfassende Teilhabe und Inklusion am gesellschaftlichen Leben sowie ein Höchstmaß an Gesundheit zu ermöglichen bzw. erreichbar zu machen. 

 

Bei der Planung von Gesundheitsförderungs- und Präventionsaktivitäten müssen Geschlechtsunterschiede im gesundheitsrelevanten Verhalten berücksichtigt werden. Die epidemiologischen Daten lassen zu, dass Gesundheitsförderung und Prävention gendersensibel umgesetzt wird.

 

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