Rolf Reul

Rolf Reul engagiert sich schon seit Jahren für den Bereich der kommunalen Gesundheitsförderung. Er leitet die Geschäftsstelle der Initiative ,,Gesundheit fördern -Versorgung stärken“ des Landkreises Marburg Biedenkopf. Zudem war Herr Reul aktiv bei der Entwicklung der ,,Good-Practice-Kriterien“ über den Kooperationsverbund ,,Gesundheitliche Chancengleichheit“ (KGC) und die Einführung der ersten Präventionskonferenz in Marburg beteiligt. Neben den fachlichen Themen beantwortet Herr Reul auch einige Fragen zu seiner Person, beschreibt seinen Werdegang in die Gesundheitsförderung und seine privaten Interessen. Über Gesundheitsförderung hinaus interessiert sich Herr Reul für Politik, Geschichte, Sport und Sachbücher. Als seine ,,heimliche“ Leidenschaft und als Ausgleich zu seinem beruflichen Alltag ist das Handwerken am eigenen Haus. Ein ganz anderer Themenbereich, nämlich der Glaube und die evangelische Religion, spielt eine wesentliche Rolle für Herrn Reul. Nicht um sonst hat er sich noch einmal beruflich komplett umorientiert, um als Lehrkraft für evangelische Religion zu arbeiten.  

Herr Reul sieht als erfahrener Praktiker in der kommunalen Gesundheitsförderung und in der Netzwerkarbeit das größte Potenzial. Dennoch sieht er auch noch deutliches Verbesserungs-potenzial auf allen Ebenen, insbesondere aber auf Bundesebene in der Gesundheitspolitik.

Blitzfragerunde

Kaffee oder Tee?
Kaffee, eine alte Angewohnheit aus meiner Zeit als Pflegekraft.
Lehrerliebling oder Klassenclown?
Klassenclown, ist aber inzwischen besser geworden.
Chaos oder Ordnung?
Definitiv Ordnung.
Visionär oder Realist?
Beides, gesundheitliche Gesamtstrategien benötigen Visionen auf einem realistischen Boden.
Geschwisterkind oder Einzelkind?
Geschwisterkind – und dafür bin ich meinen Eltern auch immer noch sehr dankbar.
Fahrrad oder Straßenbahn?
Fahrrad, da ich hier mehr Ruhe und Ausgleich habe als in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Interview

Persönlicher Einstieg

Wie spiegelt sich der Begriff Gesundheitsförderung in Ihrem Arbeitsalltag wider? 

 

“Gesundheitsförderung und Prävention sind feste Bestandteile meines Arbeitsalltags. Die dabei bestehenden unterschiedlichen Facetten und Handlungsebenen faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Gleichzeitig stellen sie eine echte Herausforderung dar. Ein Beispiel sind die Wechselwirkungen in der Gesundheitsförderung und Prävention zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik. Die damit einhergehende Überprüfung der eigenen strategischen Vorgehensweise, um die bestmögliche Qualität und Wirkung zu erzielen, empfinde ich als persönliche Bereicherung.”

 

 

Wissen Sie noch, welchen Traumberuf Sie in Ihrer Kindheit hatten?                             

 

“Ich wollte Musikkünstler oder Fußballprofi werden, um berühmt zu sein. Für Beides hatte ich aber definitiv (zum Glück) nicht genügend Talent.”

 

 

Welche Themen interessieren Sie neben der Gesundheitsförderung und Prävention noch?                                                                                                   

 

“Privat interessiere ich mich für Politik, Geschichte, Sport sowie Sachbücher. Beispielsweise habe ich gerade angefangen von Matthias Horx das Buch „Die Zukunft nach Corona“ zu lesen. Meine „heimliche“ Leidenschaft ist aber „Handwerken“ am eigenen Haus. Ich empfinde dies als einen wunderbaren Ausgleich für meine berufliche Tätigkeit.  Im beruflichen Zusammenhang bin ich ebenfalls an vielen Themen interessiert, die über Gesundheitsförderung und Prävention hinausgehen. Integrierte Strategien zu entwickeln, erfordert zunächst integriertes Denken und Handeln im Kopf sowie Wissen aus unterschiedlichen Themenbereichen. So nimmt das gesamte Gesundheitssystem Einfluss auf die Primärprävention, dies schließt alle anderen „Säulen“, also die Kuration, Pflege und Rehabilitation ein. In meiner jetzigen Funktion bin ich auch mit den dort wichtigen Themen beschäftigt und muss auf dem aktuellen Wissensstand bleiben.  Weitere wesentliche Themen sind selbstverständlich die Gesundheitspolitik sowie viele andere Politikbereiche und die Erkenntnisse der Public Health-Forschung weiterer wissenschaftlicher Disziplinen. Nur so kann man zu Gunsten einer integrierten Vorgehensweise die „versäulte“ Denkweise an den inhaltlichen Schnittpunkten aushebeln. Mein berufliches Steckenpferd ist die „Organisationsentwicklung“. 

 

 

Wie gehen Sie mit dem Thema Gesundheit in Ihrem Alltag um? 

 

“Im Hinblick auf die eigene Gesundheit, wie wahrscheinlich die meisten Menschen, nur unzureichend. Mein Vorteil ist es, dass ich zu den ca. 80 % der Privilegierten in der Bevölkerung gehöre, welche über ausreichende Ressourcen verfügen, um die eigene Gesundheit dennoch zu fördern. Für den anderen Teil der Bevölkerung besteht auf Grund einer materiellen und sozialen Deprivation eine erhebliche gesundheitliche Ungleichheit.”

 

 

Es ist uns aufgefallen, dass Sie im Fach der Evangelischen Religion einen Fakultas und somit eine Lehrbefähigung erworben haben. Wie kam es dazu und welche Rolle spielt Ihr Glaube in Ihrem Arbeitsalltag heute? 

 

“Nachdem ich mit 39 Jahren den Wunsch hatte mich beruflich neu zu orientieren, habe ich verschiedene Optionen gesehen. Eine davon war es als Lehrkraft in Religion zu arbeiten. Mein Glaube hat wesentlich dazu beigetragen, dass mein Blick sich nicht nur auf meine eigenen Bedarfe und Bedürfnisse richtet. Daher sind für mich beispielsweise auch die Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit und ein wertschätzender Umgang mit den Menschen wichtige Punkte im Arbeitsalltag.”

 

 

Auf welches Ihrer Projekte sind Sie besonders stolz? Woran erinnern Sie sich dabei gerne? 

 

“Es gibt nur „unsere“ Projekte. Und eines auf das ich nach wie vor besonders stolz bin, ist meine Mitwirkung beim Aufbau der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit (KGC) in Hessen. Ich hatte die Gelegenheit mit der ersten Koordinatorin in Hessen als Student auch die ersten Entwicklungsschritte zu entwerfen und nach meinem Abschluss diese Aufgabe direkt von ihr zu übernehmen. Wir haben damals viele Grundlagen für die heutigen KGC in Hessen legen können. So gab es bereits 2009 einen Fachtag zur „Gesundheitsförderung in der Sozialen Stadt“. Aus diesem Fachtag hat sich nicht nur eine dauerhafte Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte in Hessen e.V. entwickelt, sondern auch Ansätze von integrierten Gesundheitsstrategien in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf. Zwischenzeitlich gab es allerdings auch einen großen Rückschritt als 2014 die nachhaltige Implementierung der KGC an einer fehlenden Finanzierung scheiterte. Dies wurde erst mit der Umsetzung des Präventionsgesetzes ab 2016 in Hessen wieder korrigiert.”

Lebenslauf und Arbeitsschwerpunkte

Was motivierte Sie dazu, Gesundheits- und Pflegewissenschaften zu studieren? Hatten Sie schon vor Ihrer Studienzeit Berührungspunkte zu dem Begriff der Gesundheitsförderung? 

 

“Durch meine Ausbildung zum Krankenpfleger hatte ich eine Präferenz auch weiterhin im Gesundheitssystem zu arbeiten. Allerdings wollte ich gerne meine beruflichen Möglichkeiten verbessern, um mehr Gestaltungsmöglichkeiten bei meinen Tätigkeiten zu haben. Für den Studiengang Gesundheits- und Pflegewissenschaften sprach die spannende Kombination. Zur Gesundheitsförderung hatte ich zuvor kaum berufliche Berührungspunkte, sondern in erster Linie zur Prävention. Allerdings wurde mir im Studium bewusst, dass meine vorherigen ehrenamtlichen Tätigkeiten sehr viel mit Gesundheitsförderung zu tun hatten. Dort ging es aus darum, die Gesundheitsressourcen und –potenziale von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.”

 

 

Wie kam es dazu, dass Sie an der Hochschule Fulda gearbeitet haben? Welche Tätigkeiten haben Sie übernommen? 

 

“In Kontakt mit der Hochschule Fulda kam ich bereits während meiner Tätigkeit in der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. Vor einigen Jahren habe ich dann ein Seminar gemeinsam mit Frau Prof. Dr. Hahn gestaltet und wurde ab und an gebeten einen Vortrag bei Lehrveranstaltungen zu halten.”

 

 

Sie befassen sich seit Ihrem Studium mit Gesundheitsförderung und Prävention. Wie haben Sie die Entwicklung der Gesundheitsförderung miterlebt? Und wie hat sich Ihre Arbeit über diese Zeit entwickelt? 

 

“Seit meinem Studium sind ca. 12 Jahre vergangen. Die Evidenz hat sich durch sehr gute wissenschaftliche Studien deutlich verbessert wie beispielsweise in der Resilienzforschung. Damit einher ging eine Zunahme an entsprechenden Studiengängen in Deutschland. Mein Eindruck ist auch, dass die salutogenetische Perspektive in der Praxis sowohl implizit als auch explizit in vielen Bereichen fester Bestandteil zahlreicher Maßnahmen geworden ist. Bei den verschiedenen politischen Entscheidungsträgern bzw. –ebenen bin ich dahingehend weniger optimistisch. Dort spielt die Perspektive der Pathogenese und somit die medizinisch-pflegerische Versorgung noch eine größere Rolle als die der Salutogenese. Als besondere Meilensteine für die Gesundheitsförderung in Deutschland in den 12 Jahren empfinde ich die mit Unterstützung der BZgA gelungene Weiterentwicklung und Verbreitung der durch den Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit entwickelten Qualitätskriterien für gute Praxis der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung. Eine weitere wichtige Errungenschaft ist die inzwischen von den gesetzlichen Krankenkassen und der Politik getragene Erkenntnis, dass die Kommunen als zentrales Setting der Gesundheitsförderung anzusehen sind.”

 

 

Was ist Ihre Meinung dazu, dass die Sozialversicherungsträger seit dem Präventionsgesetz von 2015, besonders die gesetzlichen Krankenkassen, im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung stärker in der Verantwortung stehen? Welche Chancen oder Schwierigkeiten bringt dies für die Finanzierung von Projekten mit sich? 

 

“Prinzipiell ist der Ansatz richtig, alle Sozialversicherungsträger mehr an den Aufgaben für die Gesundheitsförderung und Prävention zu beteiligen. Kritisch sehe ich aber, dass nicht alle gleichermaßen mit dem Präventionsgesetz eine größere Verantwortung übernommen haben bzw. keine Verantwortung übernehmen müssen. Noch gravierender finde ich aber die Tatsache, dass die privaten Krankenkassen komplett aus der Verantwortung entlassen wurden. Auf die Chancen oder Schwierigkeiten bei der Finanzierung von gesundheitsfördernden Projekten hat dies den Effekt, dass weniger Mittel im System vorhanden sind. An der allgemeinen Finanzierungssituation von Maßnahmen hat sich nach fünf Jahren Präventionsgesetz für die meisten Akteure wenig geändert. Nach wie vor sind die Förderschwerpunkte der einzelnen gesetzlichen Krankenkassen sehr heterogen sowie intransparent und auf Grund der Förderlogik der Krankenkassen sind kommunale Akteure gezwungen, Leistungserbringer bzw. freie Träger zu beauftragen, da wir keine Personalkosten finanziert bekommen. 

Die Entwicklung und Umsetzung eines integrierten Handlungskonzeptes für beispielsweise einen ganzen Landkreis erfordert aber sehr viele Ressourcen. Das bundesweite Fördermodell „Gesunde Kommune“ der Techniker Krankenkasse ist das mir einzig bekannte Modell einer Einzelkasse, welches explizit solche umfassend angelegte Handlungskonzepte fördert. Als positiv kann man das bundesweite kommunale Förderprogramm des GKV-Bündnisses für Gesundheit ansehen, auch wenn nur eine begrenzte Anzahl an Landkreisen und Städten förderberechtigt ist. Auch der gemeinsame Fördertopf der Krankenkassen/Krankenkassenverbände in Hessen ist eine gute Möglichkeit zur Finanzierung von Projekten. Ich möchte aber betonen, dass auch die Landkreise und Städte selbst mehr Verantwortung übernehmen müssen. Wer glaubt nur mit Mitteln der Sozialversicherungsträger eine nachhaltige Wirkung mit gesundheitsfördernden Maßnahmen erzielen zu können, hat das Prinzip eines integrierten Ansatzes nicht verstanden.”

 

 

Sie leiten im Landkreis Marburg-Biedenkopf die Geschäftsstelle der Initiative “Gesundheit fördern – Versorgung stärken”. Welche Bedeutung kommt den Kommunen in der Gesundheitsförderung und Prävention zu? 

 

“Wie ich schon erwähnt habe sind Kommunen das zentrale Setting in der Gesundheitsförderung und Prävention, da sie sich an die ganze Bevölkerung richten und alle anderen Settings einbeziehen können. Voraussetzung ist aber die notwendige Expertise vor Ort zu haben. Dies erfordert auch die politische Bereitschaft und Unterstützung. Darüber hinaus möchte ich betonen, dass insbesondere der öffentliche Gesundheitsdienst eine zentrale Funktion in der Steuerung einnehmen sollte, da deren Gesetzgebung in vielen Bundesländern inzwischen das Thema Gesundheitsförderung und Prävention zur Pflichtaufgabe gemacht hat.”

 

 

Im Jahr 2017 organisierten Sie die erste Präventionskonferenz in Ihrem Landkreis. Wie wichtig ist die Netzwerkarbeit auf kommunaler Ebene? Ist das nicht eine weitere bürokratische Struktur, die die Projektarbeit vor Ort nur erschwert? 

 

“Netzwerkarbeit kann keine „bürokratische“ Struktur sein, das würde nie erfolgreich funktionieren. Sie kann auch keinem Selbstzweck dienen, sondern muss partizipativ und als eine Win-Win Strategie angelegt sein. Der Aufbau unseres Präventionsnetzwerks war ein zentraler Baustein, um die relevanten Stakeholder an den Prozessen zu beteiligen. Der offizielle Start unserer Netzwerkarbeit war die besagte Präventionskonferenz 2017. In den damals neu etablierten drei lebensphasenbezogenen Arbeitskreisen wurden jeweils drei Gesundheitsziele entwickelt und anschließend politisch in unserer Region verankert. In diesem Jahr werden die ersten Maßnahmen zur Erreichung der Gesundheitsziele auf den Weg gebracht. Auch hier sind die Akteure im Präventionsnetzwerk beteiligt.” 

 

 

In diesem Rahmen haben Sie für Ihren Landkreis den Präventionsplan „Gemeinsam für Gesundheit und Lebensqualität“ entwickelt und wurden dafür sogar im November 2019 mit dem Sonderpreis des Hessischen Gesundheitspreises ausgezeichnet. Was zeichnet diesen Präventionsplan im Vergleich zu üblichen Präventionsketten aus? 

 

“Der Ansatz der Präventionsketten ist ein Instrument, wenn Sie so wollen eine sehr gute Idee über alle Lebensphasen und Übergänge hinweg, gesundheitsfördernde Maßnahmen nach den Bedarfen und Bedürfnissen zu initiieren. Der Präventionsplan ist unser „Rezept“, wie wir dorthin kommen wollen. Wobei wir die Rezeptur kontinuierlich anpassen. Dazu kommt, dass die Bezeichnung „Präventionsplan“ nicht nur für die Politik ein inhaltlich nachvollziehbarer Begriff ist. Der Begriff Präventionskette erschließt sich nicht jedem sofort und führt auch zu Diskussionen, wenn es um den zweiten Wortteil „Ketten“ geht.”

 

 

Sie arbeiteten bis 2018 in der Arbeitsgruppe „Begutachtung von Good Practice-Beschreibungen“ des Kooperationsverbundes „Gesundheitliche Chancengleichheit“ und entwickelten gemeinsam mit anderen Akteuren die „Good Practice-Kriterien weiter. Wie wichtig sind solche Qualitätskriterien in der Praxis? 

 

“Zunächst einmal haben ja Qualitätskriterien für viele Akteure in der Praxis den Makel, dass sie Ihnen vorschreiben würden wie etwas explizit auszusehen hat und vor allem zur Kontrolle von Kostenträgern dienen. Mit anderen Worten sie werden im Qualitätsmanagement zur Beurteilung der Konzept-, Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität eingesetzt. Die Qualitätskriterien des Kooperationsverbunds wurden aber nicht mit einer solchen paternalistischen Perspektive entwickelt. In der Arbeitsgruppe war es ein wichtiger Punkt daher noch einmal zu betonen, dass die Weiterentwicklung bzw. Operationalisierung der Qualitätskriterien in erster Linie dazu dient, die eigene Maßnahme auch selbst qualitativ einordnen zu können und nicht mit einer Art „Schulnoten“ zu bewerten. Mit dieser Perspektive werden Optionen sichtbar die Maßnahme weiterzuentwickeln. Somit leisten die Qualitätskriterien nicht nur in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung einen wichtigen Beitrag für die Qualitätsentwicklung in der Praxis. Gleichzeitig sind sie eine fachlich hervorragende Grundlage bei der Entwicklung neuer Angebote, weil sie helfen sich auf wichtige Ansätze in der Gesundheitsförderung zu fokussieren, wie beispielsweise die Partizipation, den Setting-Ansatz oder Empowerment. Nicht ohne Grund wurden die Kriterien in den Leitfaden Prävention der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen.”

 

 

Können Sie uns schon verraten, an welchen größeren Projekten Sie in naher Zukunft arbeiten werden? 

 

“Derzeit arbeiten wir beispielsweise an der Idee „Dezentrale Präventionsberaterinnen“ im Landkreis zu etablieren, welche mit entsprechenden zeitlichen Ressourcen bei der Entwicklung und Umsetzung von gesundheitsfördernden Konzepten in den Städten und Gemeinden unterstützen können. Allerdings gibt es hier die Herausforderung der Finanzierung, welche wir leider noch nicht lösen konnten.”

Entwicklungen in der Gesundheitsförderung

Welches Potential sehen Sie in dem Konzept der Gesundheitsförderung für unsere Gesellschaft? 

 

“Eine mit letzter Konsequenz etablierte Gesundheitsförderung hat eine Reihe von Potenzialen. Beispielsweise bei der Verbesserung der Chancengleichheit von vulnerablen Gruppen und zwar nicht nur bei deren Gesundheit, sondern u.a. bei der Bildung oder beim Zugang von Langzeiterwerbslosen in den Arbeitsmarkt. Darüber hinaus reduzieren Gesundheitsförderung und Prävention langfristig die Krankheitskosten und tragen zur Stabilisierung der Beiträge für die Krankenversicherung bei.”

 

 

Wo sehen Sie künftig in der Gesundheitsförderung noch VerbesserungspotentialMuss dabei primär auf kommunaler, Landes– oder Bundesebene angesetzt werden? 

 

“Verbesserungspotenzial besteht auf allen Ebenen. So müsste auf der Bundesebene eine deutliche Interessensverschiebung der Gesundheitspolitik von der Krankheitsversorgung hin zu einer mit mehr finanziellen Ressourcen ausgestatteten Gesundheitsförderung vollzogen werden. Auf der Landesebene fehlen u.a. eine Präventionsstrategie und Gesundheitsziele. Und auf der kommunalen Ebene müssten sich mehr politische Entscheidungsträger das Thema auf ihre Agenda schreiben und entsprechend die Strukturen- und Rahmenbedingungen dahingehend ausbauen. Insbesondere in den Gesundheitsämtern.”

 

 

Die Digitalisierung spielt im privaten Leben sowie im Berufsleben (Gesundheitssektor, Gesundheitsförderung) eine immer wichtigere Rolle. Wie schätzen Sie die Entwicklung der Digitalisierung für Ihre Arbeit ein? 

 

“Zwiespältig. Zum einen entlastet die Digitalisierung das Gesundheitssystem und die darin Tätigen. Zum anderen wird es aber wichtig sein, dass persönliche Kontakte, Empathie und wertschätzende Kommunikation auch weiterhin möglich sind. Leider wird aber bei der Digitalisierung im Berufsleben mehr über Effektivität und Effizienz der Arbeit nachgedacht.”

 

 

Seit einem halben Jahr werden weltweit alle Gesundheitssysteme mit den Entwicklungen rund um die Corona-Pandemie konfrontiert. Wie haben sich diesbezüglich die Aufgaben in Ihrem Arbeitsfeld verändert? 

 

“Vieles ist zum Erliegen gekommen und wurde durch den Infektionsschutz/Gesundheitsschutz bzw. die medizinische/pflegerische Versorgung in den Hintergrund gedrängt. Es bleibt zu hoffen, dass die „zarten Pflänzchen“ in der Gesundheitsförderung und Prävention, welche mit dem Präventionsgesetz 2015 kamen, nicht auf Jahre wieder verschwinden.”

 

 

Was würden Sie Studierenden der Gesundheitswissenschaften heute empfehlen? In welchem Tätigkeitsbereich sehen Sie das größte Potential und welche Kompetenzen werden benötigt? 

 

“Ich würde den Studierenden empfehlen, jede Gelegenheit schon jetzt zu nutzen, um Erfahrungen in der Praxis zu sammeln. Sie sollten sich nicht nur mit den bestehenden Strukturen im Gesundheitssystem beschäftigen, sondern von Anfang an interdisziplinär und multisektoral denken. Die größten Potenziale sehe ich im Bereich der kommunalen Gesundheitsförderung. Vor Ort sind viele freie Träger in dem Themenfeld unterwegs. Eine der wichtigsten Kompetenzen (außer selbstverständlich umfassende fachliche Kenntnisse) ist Kommunikations- und Vernetzungsfähigkeit.”

Persönliches

Meine heimliche Leidenschaft:

Das Handwerken am eigenen Haus. Ich empfinde dies als einen wunderbaren Ausgleich für meine berufliche Tätigkeit.

Zum Nachlesen

Die Kriterien für gute Praxis stellen einen fachlichen Orientierungsrahmen für die Planung und Umsetzung von Maßnahmen der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung dar. Sie stehen zudem für fachliche Konzepte.

 

Der Kinder- und Jugendgesundheitsbericht bietet einen guten Überblick über den Gesundheitsstatus von Kindern und Jugendlichen im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die Entwicklungen werden aus verschiedenen Bereichen konkret aufgezeigt.

 

Gemeinsam mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf und der Universitätsstadt Marburg wurde dieser Präventionsplan: „Gemeinsam für Gesundheit und Lebensqualität“ als integriertes Handlungskonzept entwickelt.

 

Wir bedanken uns für das spannende Interview und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg! 

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