Prof. Dr. Beate Blättner

Frau Prof. Dr. Blättner arbeitet bereits seit 2003  als Professorin am Fachbereich „Pflege und Gesundheit“ an der Hochschule Fulda und ist schon lange Teil dieser Disziplin. Ihr Weg zur Gesundheitsförderung verlief eher untypisch, da es damals in Deutschland noch keine Möglichkeit gab, Gesundheitswissenschaften zu studieren: Zuerst studierte sie Pädagogik, absolvierte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und zur Pharmareferentin. Der zweite Gesundheitstag in Hamburg 1981, eine Gegenveranstaltung um Ärztetag, brachte sie mit der Gesundheitsbewegung in Verbindung. Sie interessierte sich für Yoga und Shiatsu und war in Frauengesundheitszentren tätig. Durch ihr Engagement im Gesundheitsladen Hannover und bei der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsens neben ihrer Arbeit beim Landesverband der Volkshochschulen fand sie mit der Ottawa-Charta 1986 schließlich einen Begriff und ein Konzept für ihre beruflichen Wünsche – Gesundheitsförderung.

Im Jahr 2008 unterstützte sie den Aufbau des gleichnamigen Studiengangs an der Hochschule Fulda. Bis dahin wurde dort nur der Studiengang Gesundheitsmanagement angeboten, der eine gesundheitsbezogene Erstausbildung voraussetzt. In der Weiterentwicklung des Fachbereichs war es an der Zeit, einen neuen Studiengang aufzubauen, der die Studierenden auch ohne Vor-Ausbildung für systematische Gesundheitsförderung in Institutionen qualifiziert. Seitdem hat sich einiges getan: In der Gesundheitsförderung haben sich leistungsfähige Strukturen entwickelt und die wissenschaftliche Basis hat sich deutlich verbessert. In den vergangenen Jahren hat daneben die lebensweltorientierte Gesundheitsförderung an Bedeutung gewonnen.

Wir haben Frau Blättner im Hinblick auf ihre fachlichen Schwerpunkte einige Fragen gestellt. Besonders häufig thematisiert sie in Ihren Publikationen das Thema Gesundheitsförderung in der Pflege. Das Gesundheitssystem in Deutschland besteht aus verschiedenen Säulen, in dem die Pflege erst einmal von Gesundheitsförderung getrennt betrachtet wird. Pflege wird dabei oftmals mit Krankheiten und Einschränkungen verbunden, die bereits eingetreten sind. 

Interview

Pflege

Wie spiegelt sich der Begriff Gesundheitsförderung in Ihrem Arbeitsalltag wider? 

 

“Gesundheitsförderung und Prävention sind feste Bestandteile meines Arbeitsalltags. Die dabei bestehenden unterschiedlichen Facetten und Handlungsebenen faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Gleichzeitig stellen sie eine echte Herausforderung dar. Ein Beispiel sind die Wechselwirkungen in der Gesundheitsförderung und Prävention zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik. Die damit einhergehende Überprüfung der eigenen strategischen Vorgehensweise, um die bestmögliche Qualität und Wirkung zu erzielen, empfinde ich als persönliche Bereicherung.”

 

 

Wie lassen sich diese Bereiche miteinander vereinbaren?

 

“Mich interessiert besonders die Pflege alter Menschen und gerade die Frage, wie die Gesundheit von Menschen gefördert werden kann, die eher auf der nicht so gesunden Seite des Kontinuums zwischen völlig gesund und total krank stehen. Eine Gesundheitsförderung für gesunde Menschen ist ein relatives Luxusproblem. Gesundheitsförderung muss sich mit gesundheitlich benachteiligten Menschen befassen, dazu gehören Pflegebedürftige. Das Präventionsgesetz hat die Basis dafür geschaffen und Pflegekassen beauftragt, hier Leistungen zu entwickeln. Da gab es vor 2015 nicht viel, also ist das ein Feld, das Forschung und Gestaltung braucht. Das interessiert mich.”

 

 

Sie haben bereits in einem anderen Interview erwähnt, dass Gesundheit immer gefördert werden kann, selbst bei schwer Pflegebedürftigen. Wie kann man sich das genau vorstellen?

 

“Auch als pflegebedürftiger Mensch oder als Mensch in einer palliativen Lage, haben Sie das Anrecht darauf, soviel gesundheitsbezogene Lebensqualität zu entwickeln, wie in Ihrer Situation möglich ist. Genau dafür kann Gesundheitsförderung etwas tun, hier sicher immer im Zusammenspiel mit guter Pflege und einer guten medizinischen Versorgung. Stimmt die medizinische und pflegerische Versorgung nicht, hat die Gesundheitsförderung eine Sisyphos-Aufgabe zu leisten.”

 

 

Besonders häufig wird Gesundheitsförderung in der Pflege mit der Gesunderhaltung Pflegebedürftiger in Verbindung gebracht. Gibt es noch weitere Zielgruppen, die in diesem Setting berücksichtigt werden müssen?

 

“Ich mag den Begriff der Zielgruppen nicht, er hat immer etwas Militärisches und wenig Partizipatives in meinen Ohren. Ich behelfe mir mit dem Begriff der Adressatengruppe. Nun, ganz klar geht es auch um die Gesundheit der Pflegenden und teilweise auch der Angehörigen. Gerade in der stationären Altenpflege ist es nicht sinnvoll, die Gesundheit der Pflegebedürftigen fördern zu wollen und nicht die der Pflegenden. Das wäre kontraproduktiv.”

Digitalisierung

Immer häufiger wird derzeit das Thema Digitalisierung diskutiert. Auch in der Pflege nimmt das Thema einen hohen Stellenwert ein. Wie stellen Sie sich eine Digitalisierung in der Pflege vor?

 

“Digitalisierung ist aus meiner Sicht für das Management der Pflege sehr hilfreich und kann Informationen zur Verfügung stellen, die anders nur schwerer zugänglich sind. Damit kann sich die Pflege grundsätzlich auch verbessern. Für die Pflege selbst wird Digitalisierung immer nur ein Ersatz für menschlichen Kontakt bleiben, ich persönlich finde ein schlechter. Ich möchte weder über Telekommunikation Kontakt zu Angehörigen pflegen müssen noch von einem Roboter zum Trinken aufgefordert werden noch mit einer digitalen Robbe spielen. Wenn mir Digitalisierung aber hilft, meine Autonomie aufrechtzuerhalten, dann können wir darüber reden.”

Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie in einer zunehmenden Digitalisierung?

 

“Digitalisierung hat bislang nie etwas wirklich ersetzt, sondern immer nur ergänzt. Wir schreiben vielleicht keine Briefe mehr, aber das hat die Welt nicht reicher gemacht. Ich kann mir andererseits ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen, weil ich jederzeit Informationen erhalten und absenden kann, wann immer ich will und das international. Ich würde auch im Altenheim meinen Rechner nicht vermissen wollen, z.B. um die Filme zu schauen, die ich sehen will. In der Pflege ist es wie auch andernorts: Digitalisierung verspricht erstmal Kosten zu sparen und Service zu verbessern. Wir sollten den technischen Fortschritt nicht aufhalten, aber wo hat sich dieses Ziel eingelöst?”

Klimawandel

Wo sehen Sie Parallelen zwischen GF und Klimaschutz?

 

“Der Klimawandel wird eine der wichtigsten Herausforderungen für die menschliche Gesundheit der Zukunft, und zwar in vielerlei Hinsicht. Stellen Sie sich vor, dass wesentliche Teile der Erde nicht mehr bewohnbar sind, weil sie vom Meer überschwemmt oder völlig verdorrt sind und so heiß, dass menschliches Leben da nicht mehr möglich ist. Das erzeugt enormen Migrationsdruck und die Gefahr von Kriegen. Infektionen verbreiten sich in Regionen, in denen sie bislang nicht vorkamen, auch in gemäßigten Regionen wird Hitze oder Überschwemmungen zum gesundheitlichen Problem. Vorausschauende Gesundheitsförderung wird sich dem Thema Klimaschutz und, da die Entwicklung nicht mehr völlig aufzuhalten ist, vor allem dem Thema Klimaanpassung widmen müssen. Dabei wird sie sich anschauen müssen, dass auch hier Risiken sozial ungleich verteilt sind. Aus den Gesundheitswissenschaften wissen wir, dass eine gesunde Umwelt zu den entscheidenden Voraussetzungen für Gesundheit gehört. Wir haben also mehr Parallelen als wir uns wünschen können.”

Sehen Sie in der Fridays for Future – Bewegung eine Chance, dass sich etwas verändern wird und würden Sie daran teilnehmen?

 

“Wenn ich diese Chance nicht sehen würde, dann hätte ich den Respekt vor der Demokratie verloren. Demos und Streiks sind nicht mehr mein persönlicher Weg, etwas zu bewirken, das heißt aber nicht, dass ich sie nicht gut fände.”

Würden Sie selbst an einer FFF-Demo teilnehmen oder bevorzugen Sie eine Annäherung auf wissenschaftlicher Basis?

“Demos sind nicht mehr mein Weg, etwas zu bewirken, das heißt aber nicht, dass ich sie nicht gut fände.”

Salutogenese

Ein elementarer Bestandteil Ihrer Themenbereiche, mit denen Sie sich auseinandersetzen, stellt das Thema Salutogenese dar. Da die Salutogenese zu Ihren ältesten Themenbereichen gehört möchten wir gerne wissen, ob die Theorie angesichts ihres Alters noch aktuell ist?

 

“Eine Theorie wird nicht automatisch falsch nur, weil sie alt wird. Bisher gibt es keine bessere Theorie, die die für uns interessierenden Frage beantwortet, und sie ist zwar in vielen Punkten aufgrund ihrer Komplexität nicht hinreichend belegt, aber eben auch nicht widerlegt. Ich finde es sehr bedauerlich, dass auf der theoretischen Ebene hier so wenig weitergearbeitet wird.”

 

Was genau finden Sie an der Theorie so wichtig für die Gesundheitsförderung?

 

“Sie kann erklären, wieso soziale Ungleichheit auch mit gesundheitlicher Ungleichheit verbunden ist, wieso dies aber niemals für alle Individuen zutreffen muss und sie bietet klare Ansatzpunkte für die Strategien der Gesundheitsförderung. Sie begründet, warum Partizipation und Empowerment so wichtig für Gesundheitsförderung sind und Ernährung und Bewegung alleine eben noch lange keine Gesundheit schaffen. Sie bietet die theoretische Basis, ohne die wir nicht sinnvoll arbeiten können.”

Zum Nachlesen

Die Autor*innen beschäftigen sich mit der Frage, wie Gesundheit entsteht. Um darauf Antworten zu finden, beschäftigt sich die Gesundheitswissenschaft mit der Frage, wie Gesundheit definiert werden kann. 

Im Fokus stehen die alltäglichen Formen von Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen. Es werden Möglichkeiten der Prävention, Intervention und Verbesserung der Versorgung von Gewaltopfern dargestellt. 

Das Modell der Salutogense wird als theoretische Basis der Gesundheitsförderung angesehen, welches ein Leitprinzip für eine gesundheitsfördernde Praxis darstellt. 

Frau Prof. Dr. Blättner beschäftigt sich mit der Sichtweise von Entscheider*innen in Pflegeheimen, um gesundheitsfördernde Entwicklungsprozesse und Ressourcen von Pflegebedürftigen zu stärken 

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